17.9.2007 | 12:33 von DonAlphonso

Die Chimäre des Blogblues

Es gibt im Moment einige Schliessungen von bekannteren Blogs. Maingold, Poodlepop und dazu auch noch die ein oder andere Blogpause, und bei der Tagung im ZKM “Ich, Wir und die Anderen II” wehte hier und dort auch Nachdenkliches, gar Depressives durch die Beiträge. Da gab es natürlich auch diejenigen, die sich wohl mehr wirtschaftliche Vorteile vom professionellen Bloggen erwartet hätten – und jetzt mit einem unpässlichen Werbevermarkter ins ökonomische Nichts schreiben müssen, das sehr treffend Uwe Hochmuth von der HfG Karlsruhe beschrieben wurde. Er überraschte manche Anwesenden mit der Einführung des Begriffs “variable Kosten”, als die sich die mehr oder weniger anwesenden digitalen Bohemiens den Ausbeiutungsmechanismen der Wirtschaft präsentierten: Es gäbe nämlich wenig Verständnis für ihr Tun, aber durchaus ein Instrumentarium des Ausnützens ihrer Lage. Mercedes Bunz, die trendiges Agenda Setting für gewisse Berliner Netzwerkkreise known as Ritalin Connection im weiteren Umfeld eines angeblich “linken Neoliberalismus” auch im ZKM betrieb, wuselte während dieses Vortrags mal rein und mal raus und blieb dann auch weg, was angesichts des möglichen Diskurses einen etwas seltsamen Eindruck machte.

Abgesehen davon ist manchmal wirklich sowas wie Endzeitstimmung zu spüren. Für mich ist das absolut unverständlich, denn meine Auffassung vo Bloggen bedeutet: Erzählen. Erzählen ist ein bombensicheres Kommunikationsmodell, es ist simpel und effektiv wie das Blog als Instrument, da hat eine Ausdrucksform das ideale Ausdrucksmittel gefunden, und damit läuft die Sache. Solange man sich nicht von “den anderen” definieren lässt, oder denen, die andere Ziele verfolgen, den Spass verderben lässt. Das an und für sich gute Vernetzen kann schnell zu einer Spassbremse werden, weil damit plötzlich Gestalten auftauchen, denen man keinesfalls vorgestellt werden möchte, aber niemanden kann einen zwingen, dergleichen in seiner Umgebung zu dulden.

Warum aber schlägt der Blogblues dann so stark durch? Wieso die Stimmung, die tatsächlich fühlbar ist? Meines Erachtens hat das oft mit zwei Erfahrung zu tun, die man sich angesichts des schnellen Mediums, seinen rasanten Gesprächen und neuen Sensationen an jeder Ecke kaum vorstellen kann: Zeit und Tod. Öffentliches Schreiben hat häufug etwas damit zu tun, sich gegen das Vergessen und Vergehen zu stemmen, etwas zu bewahren und unflüchtig zu machen. Blogs sind da wie Bücher, sie vermitteln die Illusion, dass es möglich wäre, sich gegen den Strom der Zeit zu stellen, das Geschriebene bleibt, sagen manche, aber gleichzeitig ist die Flut all der Belanglosigkeiten, des Freaktums und der geldgeifernden Peinlichkeiten, die den Mainstram der Blogosphäre ausmachen, schlimmer als jedes Vergessen, und man kann sich dem Pech, irgendwie auch darunter gesehen zu werden, nicht oder nur schwer entziehen.

“Ich, Wir und die Anderen” zeigt exemplarisch den Grundfehler der Blogosphäre auf; denn während literarisches Schreiben früher erst aus einem “Ich” bestand, das sich an “Andere” richtet, die nur durch die Überwindung von hohen Hürden, mit einem hohen Engagement ein “Wir” gestalten konnten, geht das heute alles simultan. Man kann heute bei mir kommentieren und gleich danach bei einer Blogmarke, man muss nicht gross nachdenken, ein wenig Geplapper reicht auch schon. Das “Wir” der Blogosphäre ist vollkommen überschätzt und über weite Strecken minderwertig, Blogs sind Gespräche, aber als ich gestern Abend in einem Lokal war, redeten hinter mir zwei Typen nur über eine Prostituierte, die mit ihrer Entlohnung unzufrieden war und statt der abgemachten 30 Euro im Zimmer dann 50 Euro haben wollte.

Ich glaube nicht, dass der Blogblues eine Unzufriedenheit mit dem Erzählen und der nötigen Software ist. Es ist das Debakel einer unausgereiften Entwicklung, es sind tatsächlich strukturelle Probleme im System, das sich schon lange mehr über Awareness als über Qualität definiert, und dessen stete Veränderungen, der Auf- und Abstieg von Rädelsführern und der Ausstieg von Protagonisten nicht zwingend etwas ändert, aber andere Mittel sehe ich auch nicht. Es gibt durch das Schreiben keine Nichtendlichkeit, man kann Gedanken bewahren und für sich etwas tun, den anderen etwas erzählen – aber das Kollektiv, das Wir, das Soziale, das auch der Stalinismus für sich fordern konnte und jede andere Zusammenrottung, davon wende man sich besser ab.

Und erzähle weiter. Erzählen ist etwas, das einem keiner nehmen kann.

14.9.2007 | 7:55 von DonAlphonso

Halbwegs sortierte Gedanken zu meinem Vortrag in Karlsruhe

Ich werde heute am ZKM was über die Kunstfigur Don Alphonso erzählen. Möglicherweise weiche ich hier und da von meinem Konzept ab, vergesse manches und sage ad hoc ein paar andere Sachen. Aber nachdem es mir zu blöd ist, auf Basis zusammengeschmierter Skripte Dritter, die nur halb hinhören, eine Debatte über Dinge reinzuziehen, die aus dem Kontext gerissen werden um den Zuhörern im Saal die Freuden des ungestörten Lauschens zu ermöglichen, und den Lesern draussen an den Rechnern einen Eindruck von meinem Vortrag zeitnah anzunbieten, sind hier meine Notizen zu dem, was ich zu sagen vorhabe.

Aus dem Leben einer Kunstfigur

Die Entstehung der Kunstfigur: Kommt eigentlich aus einer damals nicht ganz unbekannten Comedy im Radio, dann auch Internet-Comedy, blieb als Nickname hängen, und war so mehr eine Laune, denn ein Versuch, die echte Person dahinter zu schützen. Wer ich war, war zu Zeiten von Dotcomtod mit ein paar Klicks herauszufinden, nur können manche einfach nicht recherchieren – oder auch nur meinen Namen richtig schreiben.

Die Eigenschaften der Kunstfigur: Ähnlich Realperson mit ein paar Ausrutschern und charakterlichen Defiziten, manchmal himmelschreiende Ignoranz, von oben herab und das mit einer gewissen Lust am Unkorrekten, macht seine angenehmen Lebensumstände nicht klein. Es gibt auch in der Realität den Stadtpalast, die Reisen, die Ausbildung, den Stuck, das Essen, die Lebensumstände sind weitgehend identisch, aber mir persönlich ist dieser Don Alphonso manchmal auch etwas zu dreist, sein Mangel an Decorum ist ein klarer Charakterfehler, und seine Unfähigkeit, sich zu verstellen und mitunter den Mund zu halten, ist gerade für eine komplett erfundene Kunstfigur schon ziemlich daneben – denn sie könnte ja anders, wenn ich wollte.

Wie ist es so? Seltsam! Einerseits wird von mir immer wieder betont, dass hier eine Kunstfigur agiert, aber dennoch wird sie ernster genommen, als sie gemeint ist. Das sorgt auch für Konflikte, aber da hilft sie, weil der reale Mensch daneben steht und in sich hineinkichert. Konflikte mit Don Alphonso sind sinnlos, denn den gibt es nicht, und ich fühle mich nicht betroffen.

Nicht betroffen sein – das ist auch die positive Auswirkung für den Umgang mit der eigenen Privatsphäre. Hier hilft sie, das Talkshow-Problem zu beheben, in dem über alles und jeden gesprochen wird, distanzlos und ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte. Genau hier hilft die Kunstfigur, weil sich niemand sicher sein kann, was nun stimmt und was nicht, denn manchmal sage ich einen halben Beitrag die Wahrheit, um dann für den Rest Don Alphonso ranzulassen.

Funktion anhand der Kategorie “Real Life” – Leben in der Provinz, alles sehr eng, jeder kennt jeden, fast wie in der Blogosphäre, und besonders heikel ist der jetzt einsetzende 2. Heiratsmarkt mit Scheidungen, Jagd auf die letzten Junggesellen und Skandalen der besseren Gesellschaft. Zeitlich verschobene Geschichten, werden auf einzelne Personen übertragen, die das so nicht gesagt haben und auch nicht existieren, und dadurch auch nicht festzumachen sind – ausser in einem sehr engen Bekanntenkreis, der sich über seine Literarisierung sehr amüsieren kann. Es gibt dennoch klare Tabus: Wirklich ernste Probleme finden ebensowenig Eingang wie Intimes, es bleibt beim Ausschnitt, und es gibt vieles, das ich keinesfalls mit denen da draussen teilen will.

Die Kunstfigur ist hier ein leicht durchsichtiger Vorhang zwischen Zuschauerraum und Bühne, letztlich ein Puffer zwischen den Welten, der im Internet und der realen. Das fängt bei banalen Sachen an, wie die Verschleierung des Aufenthaltortes, über die Möglichkeit, Dinge zu erzählen, die sonst verschwiegen werden müssten, bishin zur eigenen Absicherung – wer den Fehler macht und eine der diversen Legenden über Don Alphonso als Tatsachen über die Realperson hinstellt, kann schon mal eine Abmahnung vom realen Menschen bekommen.

Das Ergebnis? Man bekommt einen sehr präzisen Eindruck von Don Alphonso, aber nur einen vagen Eindruck von der Realperson. Mit der Authentizität ist es nicht weit her. Stellt sich die Frage: Warum lesen Leute das? Früher hätte ich angenommen, dass es an der gerade mal so ausreichenden Ähnlichkeit zwischen mir und der Kunstfigur liegt. Wer den Don kennt, dem ist die reale Person nicht wirklich fremd, es gibt da ein hohes Mass an Übereinstimmungen, ohne dass man es zwingend an einzelnen Erzählungen festmachen könnte. Irgendwo in der Nähe vom Don bin ich, so nah lasse ich die Leute ran – und wen ich näher ranlasse und privat kennenlerne, schaue ich mir vorher genau an. Das heisst nicht, dass ich nicht manchmal auch wirklich ehrliche Texte schreibe und den Don beiseite lasse – aber die Identifikation dieser Texte ist schwierig, selbst wenn dabei die nötige Personifizierung des Blogautors rüberkommt.

Allerdings: Ich habe eine Umfrage gemacht, wie die anderne das so halten. Bislang gab es rund 80 sehr spannende Antworten per Kommentar, Mail und Gespräch, und die meisten machen das ebenso. Manche empfinden es noch nicht mal als Problem, sondern wollen speziell dieses Vexierspiel. Dass es so ist, stört keinen, solange er sich dennoch ernst genommen fühlt. Insofern gibt es wohl so eine Art Gentleman Agreement, ohne dass man zwingend zur eigenen Kunstfigur dazu schreiben müsste. Literarisierung vielleicht sogar als Qualität, der erfundene Charakter besser als die angeblich ehrliche Person, die sich dann aber durch Verschweigen schützen, Seiten von sich ausblenden und damit auch verstellen muss?

Abgeleitete Fragen: Mangel von Ehrlichkeit Problem bei politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, wo bleibt da der Einfluss? Die Frage ist insofern wichtig, als es in den letzten Wochen ein paar neue Angebote gab, journalistisch als Don Alphonso zu schreiben. Subjektivität und dazu noch einer Kunstfigur: Es ist meines Erachtens grosser Unterschied zum Journalismus. Einerseits sage ich als Journalist weniger von dem, was ich mir wirklich über ein bestimmtes Thema denke, bin dann aber möglicherweise unterschwellig manipulativ, um meine Ziele zu erreichen. Was ist letztendlich besser? Andererseits ist Literatur eher der einfache Weg; es ähnelt dem Erzählen von Anekdoten oder Gleichnissen: Es ist so leicht, eine selbstgemachte Mangold-Tarte zu photographieren, die frisch aus dem Ofen kommt, und damit die Leser zu bewegen, mal wieder auf den Wochenmarkt zu gehen; viel leichter jedenfalls, als sich in die Problematik und die Segnung modernen Supermarktwaren einzuarbeiten und kritisch zu würdigen. Trotzdem, es ist eine Form von Journalismus, eher im eigentlichen Wortsinn und liegt nah an der Literatur, aber auch das kann beim Leser Debatten und Umdenken bewirken.

Das klingt jetzt nach Anything goes, nach Beliebigkeit, nach einem leichtfüssigen Überschreiten von Grenzen und dem Zweck, der die Mittel heiligt. Gibt es dadurch nicht neue Probleme? Meines Erachtens ja – aber es sind durchaus Probleme, die man so auch im Journalismus findet. Literarisierung und Persönlichkeit können zu weit gehen. Literarisierung ist ein Spiel, das als solches erkennbar ist, und offensichtlich von beiden Seiten akzeptiert wird, weil es allgemein notwendig ist. Kann aber auch umschlagen in den Glauben, dass man Lesern einfach alles erzählen kann. Das ganze kann schnell zu Borderline werden, wenn Leser für dumm verkauft werden. Beispiele sind die angeblich drastisch ehrlichen Sexblogs, die in D allesamt nach Fake riechen, Jubelmeldungen über erreichte Besucherzahlen und sonstige Beweise einer angeblichen Relevanz im Kreise der Irrelevanten,

Das andere Problem betrifft die Persönlichkeit. Denn die kann auch umschlagen zur glattgebügelten Personality, zur wiedererkennbaren Marke, deren Primärziel die Vermarktung ist. Begleitet wird das durch extensives Getrommel und Bitten, das eigene Ziel aktiv zu fördern – einen Charterfolg, ein Lektorat für ein Buch, das kein Verlag drucken will, irgendwelche Abstimmungen zu faken. Bei Morningshowmoderatoren, im horizontalen Gewerbe und bei doppelmoralischen Politikern meiner bayerischen Heimat zeigt sich, dass man das Produkt einer Personality durchaus erfolgreich betreiben und einer gewissen Fanbase auch verkaufen kann – die als Marken agierenden Vertreter der Blogosphäre waren bislang dagegen eher erfolglos.

Was kann man daraus lernen? Meines Erachtens ist eines der entscheidende Kriterium in der erzählenden Blogosphäre immer noch Vertrauen. Vertrauen in den Autor, und Vertrauen in die Fähigkeit der Leser, unter all den Verschiebungen der Realität doch den Kern zu sehen. Meines Erachtens ist das keine Basis für ein Geschäftsmodell, aber es macht sehr viel Spass – und das ist zumindest für mich der Grund, diesem unperfekten, arroganten, hochnäsigen schlechteren Sohn aus besserem Hause, diesem Don Alphonso, weiter zu schreiben.

12.9.2007 | 20:04 von DonAlphonso

Was bringt Werbung in Blogs?

Dazu ein kleiner Exkurs: Als ich meinen Roman geschrieben habe, wurden den ersten 500 Bestellern eine signierte und nummerierte Sonderausgabe bei Dotcomtod angeboten. Und zwar, bevor das Buch auf dem Markt oder auch nur gedruckt war. Es gab damals den Vertrag und das fertige Manuskript und eben dieses Angebot, das man durchaus als Werbung bezeichnen kann. Damals gingen die 500 Exemplare tatsächlich in der Vorbestellung weg, und sorgten dafür, dass dann nach der Ausliefrung recht schnell eine zweite Auflage gedruckt wurde. Insofern will ich keinesfalls ausschliessen, dass Blogwerbung funktionieren kann – zumindest nicht in einem Umfeld wie Dotcomtod.

Nun war das in grauer Vorzeit von 2003, und wenn man heute versucht, an Conversion Rates und Klickzahlen zu kommen, wird einem von Seiten der Business Blogger so gut wie nichts gesagt. Es kommen unverbindliche Bemerkungen wie “zufriedenstellend”, “doch, ganz gut” und “kann nicht klagen”. Nachdem diese Leute ansonsten aber durchaus dazu neigen, die Erfolge ihrer angeblichen Userzahlen und glänzenden Siege an der Awarenessfront rauszutrompeten, klingt das ein wenig, hm, reduziert. Man ahnt, dass es nicht so doll sein kann, aber nichts genaues weiss man nicht. Aber zum Glück kann man ja empirisch forschen.

Nehmen wir mal den Mediendienstversuch des Peter Turi (Disclosure: Ich habe die Turi2 GmbH und seinen damaligen Auftraggeber Condenet wegen Urheberrechtsverletzung und anderer Geschichten abmahnen und die Turi2 GmbH anzeigen lassen). Dort kann man im Moment für 100 Euro eine Textanzeige schalten, die man bei ihm angeblich “über 4.000 Medien- und Meinungsmachern” täglich zeigen kann, nachdem Turi vor nicht langer Zeit. Wirkliche Belege jenseits der Behauptung kenne ich nicht, eher Zweifel an den Ausführungen, aber das ist jetzt auch nicht wirklich wichtig – wichtig ist die Frage, wie Werbung dort wirkt. In den letzten beiden Tagen hat eine Autorin dort ihr Buch bei Amazon bewerben lassen. Nun gibt es bei Amazon eine interessante Funktion: Wenn Bücher bestellt werden und im Amazon-Lager ausgehen, zählt Amazon sehr zeitnah die letzten 5 Exemplare runter. Gestern vormitteg waren noch drei Exemplare vorhanden – und jetzt sind es immer noch drei. Demzufolge wurden bei Amazon seitdem 0 Stück verkauft. Ich würde meinen wollen, dass wirklich effektive Werbung etwas anders aussieht.

Und dann war da noch die Aktion “BAS stürmt die Charts”, mit der ein unter “MC Winkel” firmierender Blogger versucht hat, eines seiner Musikstücke von seinen Bloglesern ein paar hundert mal runterladen zu lassen, um somit als erste Downloadsingle in die Charts einzusteigen. Die Aktion bekam durch einige Verlinkende Blogger und bloggende Geschäftspartner eine Menge Aufmerksamkeit, und in diesem Fall glaube ich gerne, dass die Aktion von einer knapp fünfstelligen Zahl an Lesern zumindest zur Kenntnis genommen wurde. Wie ein Blick in die Charts zeigt, gab es die paar hundert Downloads nicht. Was es gab, waren ein paar Dutzend Kaufmeldungen in den Kommentaren von MC Winkels Blog. Für einen virtuellen Gegenstand, der im Bereich von ca. einem Euro liegt.

Was lernen wir daraus? Man kann Zahlen aufsexen, Freunde einspannen, Wichtigkeit behaupten und Kommerz in eine Aktion verpacken, man kann viel erzählen, wenn der Tag lang ist, aber am Ende muss sich der Kommerz irgendwie rechnen. Ich weiss nicht, ob Blogleser generell das falsche Publikum sind; auf meinem Blog gibt es einen Link zu meinem Roman, und darüber werden immer noch welche gekauft, aber eben auch nicht so viel, dass man auf eine extrem starke Bindung der Leser an den Blogger schliessen könnte. Ich glaube, dass man für das Verkaufen und Werben in Blogs schon noch eine Menge mehr braucht, als nur den Banner, die Anzeige, oder ein paar schleimige Aufrufe. es ist sehr schwer, und warum es manchmal so lala klappt, wie bei den Toni-Mahoni-CDs bei Spreeblick, und dann oft wieder überhaupt nicht, ist nicht einfach zu erklären.

Es kann aber meines Erachtens nur besser als normale Werbung funktionieren, wenn man das System von Geben und Nehmen berücksichtigt, das das Bloggen mit ausmacht. Einfach nur bloggen, um dann als “Marke” zu verticken, bringt nichts. Und angesichts der Arbeit, die man in ein Blog steckt, bis es wirklich gut ist, wird dann auch eine Werbeaktion nie genug einbringen, um allein den Aufwand zu rechtfertigen. Aber ich fürchte, das sind Überlegungen, die dem kommerziellen, am schnellen Erfolg orientieren Teil der Blogosphäre viel zu sperrig und unangenehm, und ein paar schnelle Lügen vom Podium runter sind so einfach.

Ach so, und: Was macht eigentlich der Blogvermarkter Adical?

11.9.2007 | 17:21 von DonAlphonso

Kleine Umfrage zum Thema Literarisierung

Das hier wendet sich an Blogger, die so ein gutes, altes Tagebuch im Netz führen und vor allem von sich selbst und dem erzählen, was sie so erleben. Mich würde interessieren, wie Ihr es in Euren Blogs mit der Ehrlichkeit haltet – ehrlicher Grund: Ich bin am kommenden Freitag in Karlsruhe bei einem Kongress und muss da etwas zum Theme Literarisierung und Persönlichkeit erzählen.

Stellt Euch also die folgende Situation vor: Ihr erlebt etwas, das in jeder Hinsicht blogbar ist. Witzig, spannend, interessant, es sagt viel über Euch und über Euer Umfeld aus. Gleichzeitig aber liest genau jenes Umfeld mit, und Ihr habt Zweifel, ob das ganze im Internet stehen sollte, wo Euch jeder nachrecherchieren kann. Die Frage ist jetzt: Was macht Ihr? Schreibt Ihr dennoch, weil man lieber einen guten Freund als eine gute Geschichte verliert? Seid Ihr gnadenlos diskret und verzichtet auf jeden Hinweis? Verfälscht Ihr die Geschichte, dass es auf niemanden mehr zurückfallen kann? Und ist dieses Erfinden, Literarisieren, um es mal nett zu sagen, für Euch vertretbar? Und wie geht Ihr als Leser mit offensichtlichen Lügen von Nichtkunstfiguren in Blogs um (Ihr kennt das: Überzogene Userzahlen, Karriereblabla, der tollste Stecher zwischen Alpen und Förde)?

Um Antworten in den Kommentaren wäre ich Euch dankbar.

11.9.2007 | 11:26 von DonAlphonso

Das Exitproblem des Web2.0

Einer der Gründe, warum die New Economy 2000 scheiterte, war die KOnzentration auf ein einziges Revenue Modell: Werbung. Damals hatten Marktforscher blumig Steigerungsraten in diesem Geschäft von 200 und mehr Prozent pro Jahr versprochen. Als sich diese Erwartungen als falsch herausstellten – und viele Startups das Generieren von Einnahmen auf der Jagd nach Grösse ohnehin sträflich vernachlässigt hatten – kam es zum Crash. Schnell galt Werbung als zu unverlässiges Geschäftsmodell für junge, schnell wachsende Firmen. Die Probleme konnten nur kurzfristig überdeckt werden, indem es zu Anzeigentausch kam, aber um die Jahreswende 1999/2000 war klar, dass man sich mit falschen Zukunftshoffnungen verspekuliert hatte. Das führte zu Misstrauen gegenüber den börsennotierten New-Economy-Firmen, und dem Domino-Effekt, der bis September 2001 eine Wirtschaft auslöste, die manche Deppen aus Politik und Beratung als “Jobmaschine Internet” verkauft hatten.

Man hätte erwarten können, dass im aktuellen Hype rund um User Generated Content, Communities und “Andere arbeiten lassen” ein anderes Risikomanagement eingeführt worden wäre. Prinzipiell ist es nicht weiter schwer, sich schon beim Business Plan zu überlegen, welche anderen Optionen man auftun kann, Einnahmen zu erzielen. Nur: Werbung ist die einfachste Antwort, man sucht sich einen Werbevermarkter, der die Kunden bringt, man hat keinen Aufwand, kein Generve mit den Kunden und braucht auch kein Personal für Geschäftsentwicklung. Werbung ist als System eingeführt, kann sehr schnell Geld einbringen und steigt zusammen mit dem Wachstum der Firma an – bis sie dann an einen verkauft wird, der glaubt, etwas damit anfangen zu können.

Wir waren bis vor kurzem sogar an dem Punkt, an dem über neue Börsengänge gesprochen wurde. Der T-Shirt-Drucker Spreadshirt wurde von Seiten der Hypevertreter oft als Kandidat genannt, und auch der IPO eines Bloghosters war für 2007 angedacht. Das dürfte jetzt mit der Kreditkrise und stark gesunkenen Kursen vorbei sein. Bleibt also nur der bewährte Verkauf an ein Medienunternehmen, was in den letzten Monaten häufig zu beobachten war. Das dürfte in Zukunft schwerer werden, denn mit der Kreditkrise gibt es inzwischen auch eine fühlbare Krise bei der Werbung. Die Medienunternehmen mit ihren bekannten Produkten weniger, Startups mit ihrem neumodischen Zeug ungleich stärker trifft.

Ich wage eine Prognose: Wenn die aktuelle Krise am Geldmarkt weiter geht, werden Medienfirmen schnell alle unsicheren Investitionen streichen. Das Gründungsphänomen unter dem Begriff Web2.0 mit seinen mannigfaltigen Me-too-Projekten ist heute schon ausgereizt. Wer ausser Werbung keine Idee für das Geldverdienen hat, wird es schnell schwer haben: Unsichere Einnahmen, keine Exitoption jenseits der Insolvenz. Die nächsten Wochen werden spannend. Besonders für die, die gedacht haben, irgendwer würde schon kommen und die Firma kaufen.

11.9.2007 | 2:58 von DonAlphonso

Bitte nicht anschleimen

Liebe, dumme Onlinetochter einer gerade zum Markte getragenen Zeitung,

wärest Du so nett und würdest Du aufhören, Dich mit bescheuerten Votings an Blogger ranzuschleimen? Nachdem Dein Laden nämlich von allen deutschen Zeitungen in den letzten Monaten die dümmsten Beiträge über Blogs geschrieben hat, wäre es wirklich nett, wenn zu all der Ignoranz jetzt nicht auch noch diese billige Form des rektalen Bekriechens dazu käme – noch dazu, wenn sie mit einer bescheuerten Klickliste auch noch wirkt wie der Versuch, Leute mit ander Leuten Engagement zu Klicken für Werbung zu verführen. Und sage Deinem Autor, dass er sich mal mit dem Thema Zitatrecht auseinander setzen möchte – zusammenhanglos Texte kopieren ist ähnlich grenzwertig wie die Gossenbildliste aus dem Panoramaressort oder Eure gnadenlos vergeigte Bloglesung.

Du Premiumcontentmarke, Du.

Mfg

Don

6.9.2007 | 21:43 von DonAlphonso

Intelligentes Blogintegrieren bei Intelligent Life

Zuerst die schlechte Nachricht: Deutsche Blogger, die halbwegs schreiben können, werden in den nächstenn Wochen von hirmnlosen Entwicklervollspacken deutscher Medien- und anderer Schleichwerberhäuser belabert werden, doch was für ihr geniales, neues, geplantes High End Magazin zu schreiben, das wird ganz gross und innovativ und auf dem deutschen Markt einzigartig.

Diese Leute werden erbärmliche Lügner sein, denn seit gestern überlegen sie, wie sie ein Magazin kopieren sollen, das die gute Nachricht ist: Der Economist gibt ab jetzt vierteljährlich die Zeitschrift “Intelliget Life” heraus. All die Luxusbeilagen von FTD oder Handelsblatt, Park Avenue oder Vanity Fair wirken danneben als peinliche, dreiste, geschmacklos Rannuttungen an die werbetreibende Luxusindustrie. Intelligent Life ist von der erste Seite an die Grand Dame unter den billigen Flittchen, oder auch der erfahrene Unternehmer unter einem Haufen schriller New-Economy-Versager, es ist das, was die erhoffte Zielgruppe auf Augenhöhe anspricht, und nicht auf Unterschichtenschick herabzuziehen versucht. Engagierter Journalismus, edle Aufmachung sehr nah am Buchdruck, kluge Essays und keinerlei Versuche, auf Teufel komm raus die neueste Karre, Uhr, Zigarre und Pseudoluxusreise zu verticken. Und weit vorne auch eine Blogumschau, die zeigt, wie es geht:

Ein grösseres Thema, hier der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, anhand der Geschichten verdeutlicht, die Blogger erzählen. Ein langes, rundes, vielseitiges Stück, das den adäquaten Rahmen für die verschiedenen Aspekte bildet, das sich nicht wertend in den Vordergrund schiebt und versucht, auf Augenhöhe mit den Bloggern zu erzählen. Genau so muss es sein, könnten die Blogumschauschreiber von FR und was auch immer jetzt bitte kündigen?

Das andere, und wirklich Mutige ist aber die Website zu Intelligent Life. Sie ist ein Blog:

http://www.moreintelligentlife.co.uk/

Und zwar eines, das auch die manche langen Geschichten aus der Printausgabe online stellt. Ohne nervige Registrier- und Clickzwänge, eigenständig bebildert, und sie wird mit weiteren Beiträgen aktuell gehalten. Kommentierbar, übersichtlich, ohne Flashorgien, kurz: Da hat ein Magazin verstanden, wie man ein Blog benutzt, um über Monate bis zum nächsten Termin im Gespräch zu bleiben. Intelliget Life macht in jeder Hinsicht das, wofür deutsche Konzerne zu dumm und feig waren. Jetzt werden sie es abschreiben und nachäffen. Und auch diesmal nicht kapieren, dass man mehr dazu braucht, als Software und Pseudeprominente: Sowas wie Überzeugung, Seele und den Mut, es mal ohne billige Tricks und Anbiederung zu versuchen.

5.9.2007 | 10:44 von DonAlphonso

Warum ein weiteres Blogranking nicht wirklich nötig ist

Eine Replik. Ich war mit “Rebellen ohne Markt” einer der ersten Nutzer des Counters des Blogdienstes “Blogscout”, als das Ding noch nicht öffentlich wear. Die Idee war damals, einen Counter zu schaffen, der zuverlässig war, nicht für unschöne Cookies, Spam und Werbung genutzt wurde, und der Aufschluss gab über die Unterschiede zwischen echten Lesern und denen, die von Google reingeschwemmt werden. Das ist jetzt Geschichte, Dirk Olbertz hat seinen Counter geschlossen. Und?

Es gibt keine Ragliste mehr. Meines Erachtens ist die Rangliste, die Hierarchie, zusammen mit der Profilierungssucht mancher Blogger ein Problem. Das äusserte sich auch darin, dass “grosse” Blogs mit nicht wirklich sinnvollen Kommentaren zugeschissen wurden, um Traffic auf die eigene Seite zu lenken und das Ranking zu verbessern. Nach meiner Beobachtung hat das etwas abgenommen, als Dirk Olbertz in einem ersten Schritt solche Spampersonen in seiner punktebasierten Liste nach hinten kickte, und jetzt sind tatsächlich manche 1-Satz-Störer weg.

Getäuscht, erfunden und gelogen wird auch ohne Counter. Es ist im kommerziellen Teil der Blogosphäre nicht unüblich, sich mit erfundenen Zahlen selbst ins Gespräch bringen, um da vorne mit dabei zu sein. Das nervige Gedrängel, wie es aktuell ein “Branchendienst” macht, der 4-5000 Medienmacher erreichen will, die Übertreibungen eines Werbenetzwerkes oder irgendwelche Hobbymusiker, die auf ihre Serverstats verweisen und das magische Wort Million niederschreiben – das gehört dazu, wie die Manipulatiosversuche vieler Medien, die Auflagenzahlen möglichst optimistisch zu sehen. Natürlich könnte da ein von allen akzeptierter und genutzter Counter Abhilfe schaffen, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass in der Selbstbejubelung die “optimierten” Zahlen herangezogen werden. Oft auch mit dem dreisten Hinweis, der Counter würde Fehler machen, und die Serverstats seien viel zuverlässiger.

Es gab ein paar spannende Dinge, die man beim Counter beobachten konnte: Tatsächlich gibt es manchmal Peaks, und manche früher bekannten Blogs verlieren oder gewinnen kontinuierlich an Leserschaft. Insgesamt aber hat sich in der Zeit von Blogscout gezeigt, dass die “Leuchttürme”, die grösseren Blogs, kaum mehr wachsen. Bildblog, Spreeblick, mein Rebellmarkt, Riesenmaschine, das alles dümpelt schon länger auf einem gewissen Niveau, oder verliert sogar an Leserschaft. Nach meiner Auffassung ist das ok, die Blogosphäre ist so gross, da ragen die alle eh kaum heraus, es sind bedeutungslose Zwerge unter hunderttausenden, denen es wurscht ist, was die da machen. Das Ding, in dem wir uns bewegen, ist dezentral, anarchisch und braucht keine künstliche Hierarchie, um zu existieren.

Insofern wäre ein Blogcounter, dem sich alle unterwerfen, ihn nicht manipulieren und es als Anlass begreifen würden, keine dreisten Lügen mehr zu verbreiten, vielleicht ganz nett. Aber ohe Sanktionsmöglichkeiten hat sich der Counter bisher als Quelle unschöner Verhaltensweisen gezeigt, es ist nicht nur ein Schwanzvergleich, es ist Abwichsen auf der aufgeblasenen Irrelevanzgummipuppe, und das ganze mit einem Benehmen, das auf Dauer einen Kontrollmechanismus unabdingbar gemacht hätte. Das Ende von Blogscout wird alle wieder zwingen, auf die eigene Qualität zu achten, wenn sie unbedingt vorne sein wollen – die bequeme Topliste, an deren Spitze man sich einrichtet und die Leser beschert, ist Geschichte. Und darf es auch gerne bleiben.